Was bedeutet Industrie 4.0 für die Schweizer Industrie? Dem Werkplatz Schweiz auf den Puls gefühlt

Industrie 4.0 verändert die Produktionsprozesse radikal. Chance oder Gefahr für den Werkplatz Schweiz? Swissmem-Präsident Hans Hess und Daniel Bachofen, Geschäftsleitung Bachofen AG, sehen trotz anspruchsvollen Rahmenbedingungen viel Potenzial.

Daniel Bachofen (DB): Herr Hess, wie sehen Sie die Chancen für den Werkplatz Schweiz?

Hans Hess (HH): Der Werkplatz Schweiz ist innovativ, hoch effizient und international ausgerichtet. Er wurde immer wieder herausgefordert. Das bedeutet, dass wir uns schon des Öfteren mehr anstrengen mussten als andere, was uns sicher gestärkt hat. Zudem hat die Abschwächung des Schweizer Frankens nun wieder etwas Rückenwind gebracht. Ich bin absolut zuversichtlich, dass der Werkplatz Schweiz eine tolle Zukunft vor sich hat.

DB: Im November 2017 gab es allerdings noch Betriebsschliessungen. Ich frage mich, ob die Verlagerungstendenz in Billiglohnländer wirklich abgeschlossen ist.

HH: Der Werkplatz Schweiz macht einmal mehr einen Strukturwandel durch, der weitergehen wird. Aber man muss sehen, dass wir in der Maschinenindustrie heute mehr Leute beschäftigen als im Jahr 2000. Trotz Effizienzsteigerung und Rationalisierung bin ich überzeugt, dass wir weiterhin Arbeitsplätze schaffen werden. Ich hoffe sehr, dass wir das Wechselkursproblem verdaut haben.

Viele Firmen positionieren sich im internationalen Umfeld neu und nutzen die Chance des weltweiten Aufschwungs und der Digitalisierung.

DB: Eigentlich überrascht mich der aktuelle Digitalisierungs-Hype. Wenn ich an den Einzug des Computers in die Arbeitswelt denke, machen wir das doch schon seit über 40 Jahren, heute einfach in viel grösserem Ausmass als damals.

HH: Wir haben in der Schweiz eine exzellente Ausgangslage, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen: Der Automatisierungsgrad ist bereits sehr hoch, die Prozesse lean und die Unternehmen verfügen über eine moderne IT-Infrastruktur und gut ausgebildetes Personal. Wir müssen nun schauen, dass wir genügend schnell genügend weit kommen.

DB: Tatsache ist, dass die Digitalisierung dem Werkplatz Schweiz Perspektiven eröffnet, zum Beispiel die Produktion von Kleinserien bis Losgrösse 1, eine Option, die früher aus wirtschaftlichen Gründen undenkbar war.

HH: Genau, diese Nische verschafft uns einen gewaltigen Wettbewerbsvorteil, gerade gegenüber der asiatischen Konkurrenz. Diese bietet zweifellos Kostenvorteile und ist in der Lage, in kurzer Zeit grosse Mengen zu produzieren. Aber in Sachen Innovation, Kundenorientierung, Service-Qualität und Effizienz – gerade bei kleinen Losgrössen – sind wir unschlagbar. Diese Stärken liegen in der DNA des Werkplatzes Schweiz. Wir müssen sie fördern und weiterentwickeln. Die digitalen Technologien helfen uns dabei.

DB: Die Digitalisierung hat auch ihre Kehrseite. Eine Studie des McKinsey Global Institute rechnet für die Schweiz längerfristig mit einem Rationalisierungspotenzial von 47 Prozent der Arbeitsplätze. Dies bestätigt die Ängste vieler Menschen, dass der Computer – oder sagen wir das Internet of Things – den Menschen ersetzen wird.

HH: Der Begriff «Internet of Things» beinhaltet auch die «Things». Physische Dinge wie Kaffeemaschinen, Kühlschränke, Autos, Heizungen, Computer und was auch immer werden auch in Zukunft gebraucht. Irgendjemand muss sie entwickeln und herstellen, und das ist die Industrie. Den Ängsten vor Arbeitsplatzverlusten halte ich entgegen, dass die Schweizer Industrie dank der Digitalisierung mehr Arbeitsplätze anbieten wird, aber es werden Arbeitsplätze sein, die andere Qualifikationen erfordern. Bildung und Weiterbildung spielen also eine ganz erhebliche Rolle.

DB: Sie haben in diesem Zusammenhang mit Ihrer Idee einer Berufslehre für Erwachsene einen Weckruf ausgesendet, der in der Politik und in den Medien einigen Wirbel ausgelöst hat.

HH: Wir halten die Neuqualifikation für Erwachsene für einen guten und gangbaren Weg, unsere Arbeitskräfte für die digitale Welt fit zu machen, sie zu motivieren und ihnen die Angst zu nehmen, dereinst durch Roboter ersetzt zu werden. Gemeint ist eine Umschulung nach dem bewährten Schweizer Modell der dualen Berufsbildung, um das uns das Ausland beneidet. Ein 54-jähriger Familienvater kann ja nicht einfach zwei Jahre aussetzen, um sich weiterzubilden. Mit unserer Initiative bringen wir Berufsausübung und Umschulung unter einen Hut. In Zusammenarbeit mit Bildungsinstitutionen und dem Staatsekretariat für Bildung, Forschung und Innovation treiben wir das Projekt voran. Sogar die Gewerkschaften sind mit im Boot. Wir hoffen, dass wir noch dieses Jahr mit Pilotversuchen starten können. Es handelt sich um eine typisch schweizerische Idee. Anderswo würde wohl der Staat allein die Initiative ergreifen.

DB: Apropos Staat – wie sehen Sie dessen Rolle im Zusammenhang mit der Digitalisierung? Natürlich braucht es gewisse Regeln, aber es besteht die Gefahr, dass der Fortschritt unnötig eingeschränkt wird.

HH: Aufgabe des Staates ist es, gute Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Firmen die Möglichkeiten der Digitalisierung optimal nutzen können. Dazu gehören insbesondere die Weiterentwicklung der Infrastruktur und die Förderung der Ausbildung. Die Politik neigt zu Überregulierung. Stattdessen sollte sie sich überlegen, wie sie eine sinnvolle Entwicklung der Digitalisierung zum Nutzen aller unterstützen könnte. Und es mit der Verwaltung vormachen.

DB: Diesen Geist vermisse ich auch in der Berichterstattung der Medien. Sie warnen vor Gefahren und vernachlässigen es, auch die Chancen angemessen zu thematisieren.

HH: Hier stehen wir als Unternehmer in der Verantwortung. Wir müssen Positionen beziehen und gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik klar kommunizieren, welche positiven Entwicklungschancen die Digitalisierung für den Werkplatz Schweiz bietet, und was wir tun, damit wir das Gros unserer Mitarbeitenden auf diese Reise vorbereiten und mitnehmen können.

DB: Ihre Botschaft an die Unternehmen der Schweizer Industrie?

HH: Es ist eminent wichtig, die Digitalisierung wirklich schnell voranzutreiben und auf die Stärken zu setzen, die den Werkplatz Schweiz einzigartig machen: die konsequente Orientierung an den Bedürfnissen der Kunden sowie die Fähigkeit, mit gut ausgebildeten Leuten innovative, qualitativ hochwertige Lösungen zu entwickeln und diese erfolgreich zu vermarkten. Der teure Werkplatz Schweiz hat nur dann eine Chance, wenn wir innovativer, schneller und effizienter sind als andere Länder.

Das Gespräch fand Ende Januar 2018 bei Bachofen in Uster statt.

Hans Hess: Unermüdlicher Kämpfer für den Werkplatz Schweiz

Hans Hess ist Unternehmer aus Leidenschaft und dem Werkplatz Schweiz zutiefst verbunden. Über viele Jahre war er in zahlreichen Schweizer Industrieunternehmen in führenden Positionen tätig. Heute wirkt er als Verwaltungsrats-Präsident der Comet Holding AG und der Reichle & De-Massari Holding AG sowie als Verwaltungsrat bei der Burckhardt Compression Holding AG und der dormakaba Holding AG.

Hans Hess hat an der ETH Zürich ein Studium als Werkstoffingenieur absolviert und erwarb einen MBA an der University of Southern California (USA). Er kennt die Situation und die Bedürfnisse der Schweizer Industrie wie kaum ein anderer und setzt sich auf verschiedenen Ebenen mit Vehemenz, Herzblut und persönlichem Engagement für die Interessen des Werkplatzes Schweiz ein. Seit November 2010 präsidiert er den Industrieverband Swissmem. Zudem ist er Vizepräsident von economiesuisse und führt sein eigenes Beratungsunternehmen Hanesco AG, das Industriefirmen internationale Management-Services anbietet.

Swissmem: Werk- und Denkplatz Schweiz
Swissmem ist der führende Verband für KMU und Grossfirmen der schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) und verwandter technologieorientierter Branchen. Er trägt die Anliegen dieser Industriezweige in die Öffentlichkeit und die Politik und tritt für eine konstruktive Sozialpartnerschaft ein. Swissmem fördert die nationale und internationale Wettbewerbsfähigkeit seiner rund 1100 Mitgliedfirmen und unterstützt sie mit bedarfsgerechten Dienstleistungen, Vernetzung sowie arbeitsmarktgerechter Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Hans Hess: Swissmem-Präsident (2018)
Daniel Bachofen: Geschäftsleiter der Bachofen AG